Schatzinsel(n) der Südsee

Schatzinsel(n) der Südsee

Samoa hatte Robert Louis Stevenson nicht im Sinn, als er seinen berühmtesten Roman schrieb – in die Inselgruppe verliebte er sich trotzdem. Die Natur und die gastfreundlichen Einwohner hätte sich ohnehin kein Autor besser ausdenken können.

Den stolzen Samoanern allerdings begegnet man überall. Ihre Kultur reicht 3000 Jahre zurück und sie folgen dem Fa’a Samoa, dem samoanischen Weg, der alle Aspekte ihre Lebens regelt. Einen wichtigen Teil davon nimmt die Religion ein. Selbst die kleinsten Dörfer, die Nu’u, haben eine eigene Kirche. «Gott sei das Fundament Samoas» lautet die Inschrift auf dem Landeswappen. Und offensichtlich trägt das Fundament viel Herzlichkeit, Gastfreundschaft die pure Lebensfreude.

Fröhliche Musikgruppen und ausgelassen singende Menschen. Mitreissende Tanzeinlagen zu heissen Trommelrhythmen, traditionelle Spiele, sportliche Wettkämpfe, Handwerkskunst und köstliches Essen im Überfluss. Das alles ist Samoa – aber noch nicht die Zusammenfassung meiner Rundreise durch dieses liebenswerte Land, sondern ein einziger Abend des grossartigen Teulia Festivals in der Hauptstadt Apia. Dort sieht, spürt, hört, schmeckt und riecht man alles, was diesen Teil Polynesiens ausmacht.

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Samoa❣️

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Dass ich mir die fünftägigen Feierlichkeiten nicht entgehen lassen würde, war klar. Nur sollte es der Einstieg oder der krönende Abschluss meiner Reise sein? Ich entschied mich für Letzteres, denn ich wollte mich nicht direkt von den Eindrücken überwältigen lassen. So war der Trip schliesslich angelegt: ganz gemütlich im Mietwagen mit meinem Tempo, meiner Strecke, meinen Zielen.

Bevor ich mich selbst hinters Steuer setze, lasse ich mich aber doch noch einmal chauffieren. Den Fischmarkt, in dem die Händler mit Palmenzweigen wedelnd Fliegen von ihren Waren fernhalten, habe ich schon gesehen: Ebenso das Kulturdorf, in dem ein Tätowierer einem jungen Mann mit spitzem Kamm und Holzstab ein Muster unter die Haut des Oberschenkels klopft. Plötzlich dröhnt ein Motor hinter mir. Ein Bus, so auffällig lackiert als wäre er Teil eines Karnevalsumzugs, tuckert an mir vorbei. Kurzentschlossen nehme in einem der Jahrzehnte alten, mit Holz verkleideten Vehikel Platz. Der Busfahrer scheint gleichzeitig der DJ zu sein und so geht es in dem wackeligen Gefährt mit lauter Musik und viel guter Laune voran.

Vailima, inspirierend und lecker

Dann nehme ich meinen Mietwagen in Empfang und fahre zum Haus des Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Für die Samoaner war der Autor des Romans «Die Schatzinsel» der «Tusitala» – der Geschichtenerzähler. Sein Kolonialstil-Anwesen, heute ein Museum, trägt den Namen «Vailima» – genau wie das lokale Bier. Ich deute das als unmissverständliches Zeichen, dass ich am Abend auf einen Helden meiner Kindheit anstossen soll!

Bis es soweit ist, stoppe ich aber erst mal an den Papase’ea Sliding Rocks. Dort hat das Wasser über Tausende Jahre hinweg spiegelglatte Rutschen in die Felsen geschliffen. Zunächst bin ich ein wenig in Sorge um meine Rückseite. Nur eine dünne Badeshort zwischen mir und dem Felsen? Mein Vorbehalt ist aber vollkommen unbegründet. Selbst die kleine Delle am Ende der Rutsche schadet meinem Steissbein nicht und schon lande ich mit einem satten Platscher im kühlen Nass.

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Sliding into the dms like….

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Keine Reifen, keine Pfoten

Weiter geht es gegen Westen bis zum Ozean. Dort lasse ich den Wagen stehen und setze in einem Bötchen, das genauso bunt ist wie die Busse in Apia, nach Manono über. Um Samoas drittgrösste Insel herum führt nur ein an vielen Stellen von Blumen gesäumter Fusspfad. Autos gibt es hier nicht, Hunde übrigens auch nicht, wie mir Petrelo erzählt, mein Gastgeber für die nächsten zwei Tage. Mir als Hundefreund scheint das zunächst keine positive Erwähnung wert. In anderen Pazifikregionen jedoch können wilde Vierbeiner schon mal zum Problem werden, lasse ich mir erklären.

Im Dorf stellt mich Petrelo seiner Familie vor. Meine Schuhe ziehe ich neben einer kleinen Steintreppe aus und betrete die Fale, ein traditionelles Haus, das mit hölzernen Säulen, dafür aber ohne Wände errichtet ist und dessen Balken, Böden und Decken in leuchtenden Farben bemalt sind. Das Interesse am Neuankömmling ist gross. «Hier kommen nicht viele Touristen vorbei», sagt Petrelo. Und wenn doch, lässt man sie gerne an Fa’a Samoa teilhaben, dem samoanischen Weg, der das kulturelle Zusammenleben bestimmt. Familie und Gastfreundschaft sind dabei zentrale Punkte.

Bald schon sitze ich im Kreis der Dorfbewohner, die Beine im Schneidersitz verschränkt, und schlürfe die Flüssigkeit aus einer aufgeborten Kokosnuss. Währenddessen flechten einige Familienmitglieder trockene Blätter zu Decken zusammen. Als ich das handwerkliche Geschick lobe, strahlen sie mich mit einem Lächeln an, das noch etwas breiter wird als ich frage, ob ich ein Foto machen dürfe. Genau richtig gehandelt: Es gilt als höflich, vor dem Knipsen die Erlaubnis einzuholen.

Das Abendessen wird später in einem Umu zubereitet, einem Erdofen mit heissen Vulkansteinen. Frischer Fisch in Bananenblättern, Kokosnusscreme, dazu Hähnchen- und Schweinefleisch, über Stunden und ohne Gewürze gegart – köstlich! Die Nacht verbringe ich dann in einer anderen Fale. Ein Teil davon ragt bis ins Meer hinein und Wellen plätschern sanft gegen die Stelzen.

Am siebten Tage sollst du ruhen

Am nächsten Morgen bin ich schon vor sieben Uhr auf den Beinen, aber längst nicht als Erster. Rauch zieht an den Hütten vorbei. Das Feuer für den Umu wurde bereits entfacht. «Vieles wird früh am Tag erledigt, weil es später ziemlich heiss werden kann», erläutert Petrolo, als er mir mehr von der Insel zeigt, darunter auch eine Kirche. Samoaner sind sehr gläubige Menschen, überwiegend christlich. «An Sonntagen geht das ganze Dorf zum Gottesdienst, anschliessend gibt es ein Festmahl», sagt er. «Mehr passiert dann nicht auf der Insel.»

Zum Glück ist heute ein Wochentag und mein Bootsführer für die Überfahrt nach Upolu im Dienst. Dort halte ich mich allerdings nicht lange auf. Mit dem Mietwagen geht es per Fähre von Mulifanua aus weiter nach Savai’i, der grösseren der beiden samoanischen Hauptinseln. Meine erste Anlaufstelle ist der Afu Aau Wasserfall, der an einem mit Ranken und Farnen bewachsenen Felsenpool nach unten rauscht. Zeit für ein kleines Bad. Als ich in der Mitte abtauche, erreiche ich kaum den Boden des Beckens.

Praktisch das Gegenteil dazu finde ich in den Lavafeldern bei Sale’aula. An manchen Stellen ziehen sich die erkalteten Lavaströme beinahe wie geplante Strassen durch die ansonsten dichte Vegetation, an anderen wirken sie wie ein aufgewühlter Fluss, der plötzlich erstarrt ist. Aus vielen Rissen in der Oberfläche spriessen Gräser. Versteckt zwischen Büschen finde ich die Ruine einer alten Kirche. Das glühend heisse Gestein war damals durch den Haupteingang eingedrungen. Wo einst ein Altar gestanden haben mag, wächst mittlerweile ein riesiger Baum im hinteren Ende des Gebäudes.

Im Reich der Fabelwesen

Weiter auf meiner Route liegt eine bekannte Höhle bei Manase. Die Heimat von Zwergen, wie mir ein Guide versichert, der mich ins Innere führt. Ohne seine Hilfe hätte ich den überwucherten Eingang in ihr unterirdisches Reich vermutlich kaum gefunden. Leicht gebückt betreten wir die Paia Dwarfs Cave und lassen schon nach wenigen Metern das Tageslicht hinter uns. Lediglich der Strahl unserer Taschenlampe weist uns den Weg. «Hier, der Fussabruck eines Zwergs», sagt mein Guide und deutet mit vollkommen ernstem Gesicht auf einen Fleck am Boden, schmunzelt dann aber, als er sich wieder nach vorne dreht.

Zurück auf Upolu wende ich mich dem Süden der Insel zu. Ein grünes Holzschild an der Strasse zeigt mir die Richtung zu den Togitogiga Wasserfällen, die gleich mehrere natürliche Pools auf unterschiedlichen Terrassen füllen. Klar, auch hier kann ich nicht widerstehen und streife mir die Badehose über. Anders verhält es sich am Surferhotspot Matatufu. Dessen Wellen sind so gross, dass ich sie doch lieber den geübteren Surfern überlasse und ihnen vom Ufer aus bei ihren beeindruckenden Manövern zuschaue.

Eine Ecke weiter bin ich dann wieder selbst gefragt. Der To Sua Ocean Trench ist einer der wundervollsten Orte auf ganz Samoa. Das finden augenscheinlich auch einige andere Besucher, die sich mit genau choreografiertem Gesichtsausdruck für ein Selfie in Pose schmeissen. Ich steige lieber schon mal die grobe Holzleiter hinab zu dem smaragdgrünen Wasserloch, das unterirdisch vom nahegelegenen Ozean gespeist wird. Während ich noch auf der Plattform am Fuss der Leiter stehe und den Blick über die imposanten Steilwände gleiten lassen, saust eine menschliche Kanonenkugel an mir vorbei. Die Knie fest mit den Armen umklammert durchbricht sie die Wasseroberfläche mit ordentlichen Spritzern. Anscheinend hat jemand die letzten Sprossen ausgelassen und direkt den Sprung ins Becken gewagt. Als ich diese Taktik ausprobiere, stelle ich fest: Ja, so macht es am meisten Spass!

Im äussersten Südosten von Upolu entspanne ich noch am Sandstrand von Lalomanu und etwas weiter nördlich auf Namua. Die Gewässer rund um die Insel sind der Lebensraum von Meeresschildkröten. Eine Begegnung unter Wasser lässt mich sicherlich euphorischer zurück als das gepanzerte Reptil, das, den halb geschlossenen Augen und scheinbar nach unten gezogenen Mundwinkeln nach zu urteilen, wenig Wert auf meine Gesellschaft legt. Trotzdem schwimmt die Schildkröte so nah an mir vorbei, dass ich die gemusterten Flossen vermutlich hätte berühren können.

Samoa mit allen Sinnen

Vor meiner Rückkehr nach Apia lege ich einen letzten Halt am Piula Cave Pool ein, einem Süsswasserpool mit unglaublich klarem Wasser auf einem Universitätsgelände. Dann fahre ich weiter in die Hauptstadt. Die Vorbereitungen auf das Teulia Festival laufen dort auf Hochtouren. Vieles, was ich in der letzten Woche erlebt habe, begegnet mir während der Feierlichkeiten erneut: Hier werden Körbe mit flinken Handgriffen geflochten, dort wird in Booten um die Wette gepaddelt. Ich blicke in freundliche Gesichter und werde eingeladen mitzusingen und mitzutanzen und herrlich aromatischen Fisch zu probieren.

Halb fühle ich mich wie ein Einheimischer – nur mit dem deutlich längeren Rückweg am nächsten Morgen. Darüber solle ich mir keine Gedanken machen, rät mir eine Tänzerin mit Blume im Haar. Heute zähle schliesslich nur ein Weg. Und das sei Fa’a Samoa, der samoanische Weg!

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oo im aboutta dive in

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Down Under hat mich schon immer fasziniert und als ich nach der abgeschlossenen Ausbildung 2006 in der Australien-Abteilung anfangen durfte, hat mich das Reisefieber für diese Destinationen noch mehr gepackt.

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