Nie Einsamer als inmitten von 50’000 Zuschauern

Nie Einsamer als inmitten von 50’000 Zuschauern

Jörg Abderhalden ist eine Schwingerlegende. Der dreimalige Schwingerkönig gewann als einziger den «Schwinger-Grand-Slam». Die REISEWELTEN sprachen mit dem «Schweizer des Jahres 2007» über sein Erfolgsgeheimnis im Schlussgang, seine Karriere nach dem Schwingen, seine neue Rolle als Fernsehstar und seine Leidenschaft fürs Skifahren und Reisen.

Herr Abderhalden, ist Schwingen ein Sport oder Schweizer Kulturgut?
(lacht) Schwingen ist Sport verbunden mit Traditionen.

Was unterscheidet Schwingen von Ringen?
Der Unterschied ist die Kleidung. Wir Schwinger tragen spezielle Hosen, beim Ringen trägt man ein eng anliegendes Turnkleid. Wir müssen den Gegner an den Hosen greifen, damit das Resultat gültig ist, die Ringer haben nichts zum Greifen.

Schwingen ist Sport verbunden mit Traditionen.

Gibt es Schwingen wie in der Schweiz noch in anderen Ländern?
Ja, es gibt kleinere Ortschaften in Amerika mit Schwingfesten. Dort leben ehemalige Auswanderer. Die Veranstaltungen sind sehr hübsch anzuschauen, aber nicht zu vergleichen mit dem, was in der Schweiz geschwungen wird.

Neben der olympischen Sportart Ringen sind wohl die Sumoringer weltweit am bekanntesten. Können Sie damit etwas anfangen?
Das ist schon etwas anderes als das Schwingen. Die meisten Schwinger sind viel beweglicher als die Sumoringer. Da ist es ja vor allem die Masse, die entscheidend ist. Bei uns ist die Technik ein wesentlicher Faktor.

Wie sind Sie zum Schwingen gekommen?
Ich bin familiär vorbelastet. In unserer Familie haben meine Onkel schon geschwungen und so bin auch ich zum Schwingen gekommen.

Sie sind der erfolgreichste Schwinger aller Zeiten. Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?
Ich hatte das beste Gesamtpaket: Ich bin 1,88 Meter gross und habe ein grosses Talent im Bereich mentale Stärke. Zudem war ich ein harter Arbeiter, sodass ich eine sehr gute Technik entwickelt habe. Und ich war sehr vielseitig. Das war sicher der grösste Unterschied zu meiner Konkurrenz.

Wie viel wird beim Schwingen im Kopf entschieden?
Das ist kein unwesentlicher Anteil beim Kampf «Mann gegen Mann». Da geht sehr viel im Kopf ab. Ich hatte Gegner, die waren körperlich gleichwertig, aber irgendwann ging es nur noch um die mentale Stärke.

Wie gross ist der Druck im entscheidenden Moment?
Enorm. Man muss sich vorstellen, da sind mehr als 50 000 Zuschauer im Stadion. Hinzu kommen die vor dem Fernseher. Vor allem im Finale – bei uns heisst das Schlussgang – wenn nur noch zwei Schwinger übrig sind, ist es wirklich schwierig, seine beste Leistung abzurufen. Ich war in meinem Leben nie einsamer als mitten zwischen all diesen Zuschauern. Denn am Schluss ist man auf sich allein gestellt und muss seine Leistung bringen.

2007 wurden Sie zum «Schweizer des Jahres» gewählt. Da befinden Sie sich in einer illustren Reihe mit Sportlern wie Roger Federer, Didier Cuche oder Dario Cologna. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Das war für mich natürlich eine riesengrosse Ehre. Dass ich als Schwinger, der ja «nur» einen nationalen Sport betreibt und nicht international im Rampenlicht steht, so einen Titel bekommen habe, war auch eine Anerkennung der Zuschauer für die Leistungen in meiner Karriere.

2010 sind Sie zurückgetreten. Ist Ihnen der Abschied schwergefallen?
Das war nicht einfach. Aber mein Körper liess keine weitere Saison mehr zu. Schwingen ist ein wunderbarer Sport, aber ich habe auch diverse Verletzungen erlitten. Aus Rücksicht auf meine Gesundheit wollte ich nicht länger mit den Risiken leben. Deshalb ist es mir nicht ganz so schwergefallen. Ich glaube, wenn es einen richtigen Zeitpunkt gibt zurückzutreten, dann habe ich ihn gefunden.

Viele klassische Sportarten haben Nachwuchsprobleme – auch das Schwingen?
Es ist auch bei uns so, dass wir um Nachwuchs kämpfen müssen, damit die Jungen oder Mädchen in den Schwingclub gehen. Da müssen wir immer wieder präsent sein und das Schwingen schmackhaft machen. Mit der grossen Medienpräsenz ist das natürlich einfacher, aber wir müssen die Jugend dennoch abholen.

Schwingen ist ein sehr traditioneller Sport. Sollte er so bleiben wie er ist oder hätten Sie Verbesserungsvorschläge?
Der Sport selber funktioniert so wie er ist, den muss man nicht verändern. Ich würde gerne das ganze Drumherum, also die Turniere, etwas verkürzen. Wir beginnen ja die grossen Schwingfeste morgens um acht und sind abends um fünf fertig. Ich würde lieber erst um zehn beginnen, weniger Pausen machen und um vier fertig sein.

Schweiz

Sie waren in der Jugend auch Skirennläufer, immerhin im Rennkader des Ostschweizer Skiverbands. Warum sind Sie nicht in den Skirennlauf gegangen?
Ich war ein sehr kräftiger junger Bursche. Das Schwingen ist mir leichter gefallen und der direkte Kampf Mann gegen Mann hat mich einfach mehr fasziniert, als die Skipiste runterzudonnern. Ich hatte aber auch mehr Talent zum Schwingen. Das war letztendlich entscheidend.

Bis heute sind Sie dennoch dem Skirennsport verbunden. Sie sind Vize-Präsident des Ostschweizer Skiverbands. Was sind da Ihre Aufgaben?
Ich bin ganz frisch dazu gekommen, derzeit arbeite ich mich noch ein. Ich unterstütze den Präsidenten und habe eher eine beratende Funktion.

Ihre Schwester Marianne hat es bis in den Ski Weltcup geschafft, der Sport scheint Ihrer Familie ja in die Wiege gelegt worden zu sein. Sind Sie alle so sportlich?
Meine Eltern waren eigentlich gar nicht so sportlich, aber sie haben uns immer die Möglichkeit gegeben, Sport zu treiben. Im Winter waren wir Skifahren, im Sommer Schwingen. Dazu kam das Talent, aber das wichtigste ist sicherlich, überhaupt erst die Möglichkeit zum Sport zu bekommen.

Wie wichtig ist Skifahren für Sie?
Sehr wichtig! Es ist eine der wenigen Sportarten, die man mit der ganzen Familie ausüben kann. Meine Frau und ich können mit unseren Kindern problemlos den ganzen Tag Skifahren und keiner kommt zu kurz.

Im kommenden Winter begleiten Sie erstmals eine Gruppe von knecht reisen auf eine Skireise nach Kanada. Ist Kanada auch für Sie ein Traumziel?
Kanada hat mich schon immer fasziniert. Ich habe in der Nähe von Vancouver meine Flitterwochen verbracht und freue mich nun sehr, das Land noch etwas besser kennenzulernen. Ich war noch nie im Winter da, das wird sehr besonders für mich.

Das heisst, Sie waren auch noch nie beim Heliskiing. Was erwarten Sie?
Das wird ganz bestimmt grossartig. Ich durfte mal einen Tag in Zermatt bei wunderbaren Verhältnissen zum Heliskiing gehen und das war ein einzigartiges Erlebnis. Jetzt sind wir eine ganze Woche dort, da freue ich mich sehr drauf.

Sie werden sich mit Ihrer Gruppe in Lake Lousie auf den Weltcup-Pisten für das Heliskiing-Abenteuer in der CMH Bobbie Burns Lodge warmfahren. Worauf lassen Sie sich eher ein, wenn Sie einer Ihrer Mitreisenden herausfordert: ein Rennen auf der Piste oder einen improvisierten Gang im Schnee?
Ich weiss ja noch nicht genau, wie die Leute Skifahren. Ich befürchte, dass die meisten sehr gut sind, sonst würden sie nicht zum Heliskiing mitkommen. Deswegen denke ich, dass meine Chancen bei einem Gang im Schnee grösser sind.

Bei Ihrem Skitrip mit knecht reisen nach Kanada geht es natürlich sportlich zu. Wie verbringen Sie sonst Ihre Ferien, aktiv oder eher entspannt?
Beides. Diesen Sommer waren wir am Lake Tahoe in den USA. Tagsüber waren wir immer baden im See, mit dem Jetski oder dem Boot unterwegs. Aber da wird auch mal gefaulenzt. Man braucht beides in den Ferien.

Welche Reise oder welches Land hat Sie bislang am meisten beeindruckt?
Das ist vermutlich Amerika. Ich bin ein grosser Mensch und dort ist alles etwas grösser – die Autos, die Strassen oder die Parkplätze. Das hat mich schon beeindruckt, diese grosse weite Welt dort. Aber ich bin natürlich auch ein grosser Fan von den Schweizer Bergen, wo ich mich sehr wohl fühle.

Schweiz

Wo wollten Sie immer schon mal hin und haben es bislang noch nicht geschafft?
Eigentlich so gut wie alle Länder, die ich noch nicht gesehen habe. Wir sind eine Reisefamilie und möchten gerne noch diverse Länder bereisen. Die müssen gar nicht zwingend in Übersee, sondern können auch in Europa sein. Der hohe Norden unseres Kontinents interessiert mich zum Beispiel sehr. Aber auch Alaska versprüht einen besonderen Reiz.

Sie sind gelernter Schreinermeister, sitzen als Geschäftsführer Ihres eigenen Betriebs aber natürlich vor allem im Büro. Arbeiten Sie dennoch immer noch gerne selbst mit Holz?
Auf jeden Fall. Aber wir haben inzwischen 20 Angestellte und ich komme fast gar nicht mehr dazu, selbst noch Hand anzulegen. Heute mache ich leider Gottes fast nur noch Büroarbeiten. Zu Kunden zu gehen macht mir aber Spass. Und zum Glück gibt es zu Hause ab und zu noch etwas Handwerkliches zu tun.

Einer, der im Sport und im Job offensichtlich sehr viel sehr richtig gemacht hat, ist ja prädestiniert dazu, seine Erfahrung zu teilen und weiterzugeben. Sie arbeiten als Referent und Coach. Wie hat man sich ein Seminar mit Jörg Abderhalden vorzustellen?
Ich versuche bei diesen Events, die Erfahrungen, die ich während meiner sportlichen Karriere gemacht habe, weiterzugeben. Motivation, Disziplin und der Umgang mit Druck stehen im Vordergrund. Ich bin der festen Überzeugung, dass die meisten Erfolge durch die richtige Vorbereitung erzielt werden.

Mit Medien kennen Sie sich als ehemaliger Spitzensportler und Schwingexperte natürlich aus. Seit neuestem sehen wir Sie nun in einer neuen Rolle im Fernsehen – in der SRF-Sendung «Samschtigs-Jass». Wie wird ein Schwingerkönig zum Jass-Schiedsrichter?
Ich bin eine Spielernatur. Ich habe schon immer gerne gejasst. Ich war schon einige Male Gast bei «Samschtigs-Jass» und habe mehrmals gewonnen. Ich habe da auch mal als Schiedsrichter ausgeholfen und als mein Vorgänger aufgehört hat, wurde ich gefragt. Zunächst habe ich gezögert, aber mittlerweile reizt mich das als Abwechslung zum Alltag dann doch sehr.

Sind Sie ein guter Jasser?
Ich bin sicher kein schlechter Jasser, aber ich hatte auch das ein oder andere Mal Glück.

Jassen Sie auch in der Familie?
Wir haben in meinem Elternhaus schon gespielt und jetzt spielen meine Frau und ich regelmässig mit unseren Kindern. Die Jass-Karten liegen immer wieder auf dem Tisch. Und auch in den Ferien haben wir sie dabei. So kann man sich wunderbar die Zeit auf Flughäfen vertreiben.

Autor: Bernhard Krieger

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