Grönland – Eisberge und Erdbeeren

Grönland – Eisberge und Erdbeeren

Grönlands Eisberge und Fjorde erkundet man am besten per Schiff. Die fantastische Natur und die freundlichen Bewohner kleiner Dörfer und farbiger Städtchen an der Küste machen jede Reise unter der Mitternachtssonne zum einzigartigen Erlebnis.

Mit dem Hurtigruten-Expeditionsschiff «FRAM» in die Arktis

Im Anflug auf Kangerlussuaq glaubt man sich über einem Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems: Wir schweben über endlose Eisflächen. Türkisfarbige Punkte blitzen auf: Geschmolzenes Eis, Wasser. Wir sinken. Jetzt sind kilometerlange Furchen und Spalten sichtbar. Als hätte ein riesiger Eisbär seine Pranke über die weltgrösste und zu 81 Prozent von Eis bedeckte Insel gezogen. Dann franst das Inlandeis aus, die Gletscher weichen grünem Terrain, Bergen und Fjorden. Wir landen auf einem ehemaligen US-Armeestützpunkt, heute internationaler Airport der Insel. Ein kühler Wind bläst, 7 Grad Celsius, jetzt, Anfang Juli auf 67 Grad Nord, etwas oberhalb des Polarkreises, wo das Expeditionsschiff «Fram» wartet.

Vom Airport aus sind es nur 38 Kilometer zum Russell-Gletscher. Eine gute Gelegenheit, um vor dem Einschiffen Inlandeis aus der Nähe zu sehen. Die nur am Anfang geteerte Strasse dorthin, einst gebaut von VW für Autotests in Schnee und Eis, ist die längste Grönlands. Sie führt durch ein sandiges Tal – ja, in dieser arktischen Wüste gibt es Sanddünen – und durch samtweiche Tundra. Die hiesige Nationalblume, das arktische Weideröschen, gedeiht prächtig.

Das Motorengeräusch unseres Allrad-Fahrzeuges lässt Rentiere in lockerer Gangart fliehen, scheue Moschusochsen glotzen kurz, bevor auch sie das Weite suchen. Beim imposanten Gletscher begrüssen uns Vertreter der (kumuliert) grössten Biomasse Grönlands: Mücken. Unter der mächtigen Eiszunge fliesst kaltgraues Wasser hervor, in Richtung Küste, zum Fjord. Da wollen auch wir hin, zum Einschiffen.

Eistauglich

Bei der 550-Seelen-Siedlung Kangerlussuaq liegt die «Fram» vor Anker: Ein 2007 gebautes, komfortables Schiff mit Sauna, Gymfit, Jacuzzi und Panoramadeck. Das Schiff der Reederei Hurtigruten, dessen Namen dem legendären norwegischen Polarforscher Roald Amundsen (1872-1928) und seinem Segelschiff «Fram» die Referenz erweist, ist für arktische Gewässer gerüstet: Der Rumpf hat die Eisklasse 1B, der spezielle Azipod-Antrieb sogar 1A. Das heisst, das 113 Meter lange Schiff kann in schwierigen Eisverhältnissen bei Eisdicken von etwas mehr als einem halben Meter fahren. Es besitzt zudem ein vorausschauendes Sonar, das Unterwasser-Hindernisse vor dem Bug, etwa Felsen, erkennt. So lässt sich der feuchtkalte und Schiffe versenkende «Kuss» des unter dem Wasserspiegel liegenden Hauptteils eines Eisberges vermeiden. Und Eisberge schwimmen vor der Westküste Grönlands Zigtausende.

Kapitän Tormod Karsten, 66, aus Norwegen, der in jungen Jahren Fischer war, als 18-Jähriger 2. Offizier und später Kapitän auf einem Küstenfrachtschiff, nutzt die Technik an Bord zwar gerne, sagt aber: «Wichtig ist, mit dem menschlichen Auge die Technik zu ergänzen. Bei schwierigem Wetter, bei Nebel und Eisbergen, sind immer zwei Mann auf der Brücke.» Und sollte der geringste Zweifel an der Befahrbarkeit einer Bucht in einem Fjord bestehen, so steht Kapitän Karsten ein Scout-Boat, ein Pfadfinder-Schiff, zur Verfügung: Ausgestattet mit allem was die Technik hergibt, fährt das bemannte Boot voraus und erkennt mithilfe seiner elektronischen «Sinne» Hindernisse. Die Daten übermittelt es in Echtzeit auf die Brücke der «Fram», wo sie die Seekarte ergänzen.

Im Innern der «Fram»: Geräumige, wohnliche Kabinen, reichhaltiges Buffet im Restaurant. Die Schiffsoffiziere sind Norweger, weitere Nautiker stammen von den Philippinen, wie auch die Restaurant- und Hotelcrew. Die meisten arbeiten seit vielen Jahren auf der «Fram». Oder für die Firma Hurtigruten. Erwähnenswert ist auch die freundliche Dienstbeflissenheit der Crew; doch frei von steifer Angestrengtheit verbiegt sie sich nie devot. An Bord arbeitet zudem ein elfköpfiges, internationales Expertenteam: Biologen, Geographen, auch Grönländer, die zwischen Landgängen interessante Vorträge über Flora, Fauna, Eis, Klima und Geschichte halten. Oder über das Leben auf Grönland. Von dem wir vielleicht überholte Vorstellungen haben  – schulisch geprägt und im Ohr Mani Matters Lied vom «armen Eskimo, der in Grönland irgendwo, truurig isch um ds Läbe cho». Oder falsche Iglu-Bilder. Iglu-Siedlungen gab es hier nie. Ein Schneehaus wurde auf der Jagd zur Not gebaut, wenn Jäger die Zelte nicht rechtzeitig erreichten. Sonst lebte man in Häusern aus Torf. Entlang der Reiseroute besichtigen wir mehrere.

Der Sound des Eises

Geräuschlos durchquert die «Fram» den 170 km langen, menschenleeren Fjord. Graduell wechselt die Farbe des Wassers von Graubraun zu Dunkelblau. Wir erreichen das offene Meer. Jetzt befinden wir uns am Anfang der berühmten Nordwest-Passage. Der Wind bläst mässig aus Nordost. Der Himmel ist blau; die Luft ist 5,1 Grad Celsius warm, das Wasser hat 4,2 Grad Celsius. Unter der Mitternachtssonne fahren wir die Westküste hoch zur Disko-Bucht. Dort liegt auf einer vorgelagerten Insel die Siedlung Qeqertarsuaq mit 800 Einwohnern, unser Ziel. Am Horizont tauchen Eisberge auf. Zeitlos gleiten wir dahin und vorbei. Wie in einem angenehm geheizten Raumschiff.

Anlandung, ein Wechsel der Welten: fröhlich farbige Holzhäuschen, eine Kirche, ein Hotel, eine fischverarbeitende Fabrik, zwei Dutzend Autos und gastfreundliche Menschen. Wie Noushah: Sie sitzt vor ihrem gelben Haus, raucht eine Zigarette in der Sonne, trinkt Kaffee und lädt mich auf eine Tasse ein. Sie arbeitet in der Verwaltung des Dorfes. Ihr Ehemann sei Automechaniker und betreue auch Schneemobile, erzählt sie, derweil im Hintergrund die Waschmaschine bedrohlich laut eiert. «Wir haben hier ein angenehmes Leben», sagt sie. Ihr Smartphone klingelt, ihr Mann. Er trifft kurz danach ein. Unten am Ufer flattert aufgehängte Wäsche im Wind, dahinter dümpeln Eisberge. Grönland liegt innerhalb der Isotherme 10. Das bedeutet, dass auch im wärmsten Monat des Jahres, im Juli, im Durchschnitt 10 Grad Celsius nicht erreicht werden.

Die phantastisch geformten Eisberge in der Bucht erkunden wir mit soliden Schlauchbooten. Und mit respektvollem Abstand, den die kalten Kolosse können kentern. Der Sound des Eises ist hypnotisierend. Unablässig knistert, knackt und prickelt es, wenn im Eis gefangene Luft im vier Grad warmen Meer entweicht. Die Eisberge stammen von der gegenüberliegenden Küste, vom Gletscher bei Ilulissat. Er gilt als einer der dynamischsten der Welt, mindestens 20 Laufmeter Eis schiebt er täglich ins Meer, 35 Kubikkilometer im Jahr, so viel Wasser, wie New York jährlich verbraucht.

Eine mehrstündige Wanderung um Ilulissat – dank dem Gletscher seit 2004 Unesco-Weltnaturerbe – offenbart die Schönheit des Prozesses, der sich jedoch stetig beschleunigt. Hier gibt es grüne, blumig gesprenkelte Tundra, schwarze Felsen, eingesäumt von einem in der Sonne funkelnden Band aus Eisskulpturen, dahinter tintenblaues Meer. Am Wegrand liegt ein neuerer Friedhof mit Kreuzen und Plastikblumen, später treffen wir auf einen älteren. Vor ihrer Christianisierung beerdigten Inuits ihre Verstorbenen unter Steinplatten. Oft sitzend, mit Blick aufs Meer, zur Muttergöttin in der Tiefe. Das Meer ernährt, es bedeutet Leben: Fische, Wale, Robben.

Dänische Missionare hatten Mühe, «diese Wilden» davon zu überzeugen, Tote mit den Augen himmelwärts zu Gott zu bestatten. Aus dem Himmel, das wussten die Überlebenskünstler der Arktis, kam nichts. Und wenn das Meer zu wenig hergegeben hatte und der Winter hart war, sprangen die Ältesten der Sippe genau hier über eine Klippe – ins Meer. Heute steht in nahezu jeder Siedlung eine evangelisch-lutherische Kirche. Und ein Geschäft, das Aussenbordmotoren verkauft oder sie wartet.

In Sisimiut, mit rund 5000 Einwohnern zweitgrösste Stadt Grönlands, gibt es auch Werften. In einer der grössten arbeitet Haneh. Er erklärt: «Wir haben zwar genügend Arbeit, aber nicht so viel wie in den 1990er Jahren, als der Fischfang ergiebiger war.» Heute würden die Fischerboote immer grösser, der Investitionsbedarf steige, das begünstige grosse Firmen, als Einzelner sei man damit oft überfordert. Bei Expeditionsschiffen, wie die «Fram» eines ist, präsentiert sich die Lage anders, weiss Kapitän Karsten: «Viel grössere Schiffe dieses Typs werden in Zukunft nicht gebaut, da Umweltauflagen der touristischen Nutzung Grenzen setzen.» Die meisten Schiffe sind im europäischen Sommer in der Arktis unterwegs und danach in der Antarktis, wenn es dort Sommer ist.

Was in der Arktis, vor allem wegen Spitzbergen, neu geregelt wird, gilt in der Antarktis schon seit vielen Jahren: Im fernen Süden dürfen maximal 100 Personen gleichzeitig die weitgehend unberührte antarktische Natur betreten und an Land gehen.

Die moderne Insel

«Das Hallenbad ist ein Renner. Eine Millionen Eintritte innert etwa sieben Jahren! Dies in einer Stadt mit nur 16 000 Einwohnern», freut sich Jakob Mathiassen. Der Däne lebt seit zwanzig Jahren in der Hauptstadt der riesigen Insel, in Nuuk. Hier unterrichtet er an der Universität Wirtschaft und berät Grönlands autonome Regierung. Auf der «Fram» hält er spannende Vorträge über die Geschichte der Insel, die – noch –  Dänemark gehört. In Nuuk gibts Shopping Malls, ein Kulturhaus mit Kino, gerade läuft «Et Hus i Marokko», und es gibt bis siebenstöckige Hochhäuser. Die Stadt wächst, Siedlungen schrumpfen. Unten am Ufer stehen alte Holzhäuser. In mehreren ist das sehenswerte Nationalmuseum untergebracht. Auch in kleinen, liebevoll gestalteten Museen in den Siedlungen lässt sich das traditionelle Grönland betrachten. Das moderne Grönland findet draussen statt: Man betreut Touristen und jagt Fische im grossen Stil. Und im kleinen: Fischer fahren vom Hafen gern mit dem Taxi nach Hause. Trotzdem, die gelassene Ruhe in Städtchen und Siedlungen und die stets präsente, grossartige Natur lassen Inuits und zugezogene Dänen mehrfach sagen: «Hier lebt es sich stressfrei und gut, auch im Winter.» Je weiter wir uns entlang der Fjorde und Siedlungen südwärts hangeln, je mehr wir uns Grönlands Südspitze nähern, desto öfter fügen Einheimische hinzu: «Wir gehören zu den Gewinnern des Klimawandels».

Vielerorts weiden Schafe auf saftig grünen Wiesen. So auch bei Qassiarsuk. Hier gründete im Jahr 985 Erik der Rote die erste Wikingersiedlung: Seine gewalttätige Vergangenheit hatte ihn von Norwegen via Island ins Exil gezwungen. Sein Sohn Leif, ein überzeugter Christ, segelte weiter Richtung Westen – und entdeckte Amerikas Neufundland.

Der Handel mit Elfenbein, beziehungsweise mit den Zähnen von Walrossen und Narwalen bedeutet nicht nur ein Waren-, sondern auch ein Informationsfluss. «Im Vatikan befinden sich Dokumente, die diesen Handel belegen. In Rom wusste man wahrscheinlich, dass es westlich von Grönland weiteres Land – Amerika – gibt, lange bevor Kolumbus es ‚offiziell‘ entdeckte», erklärt die auf Polarregionen spezialisierte Geografin Friederike Bronny. Umgekehrt geht auch: Grönland liegt auf dem Kanadischen Schelf und gehört zu Amerika. Über diese Landmasse zogen einst Menschen aus dem asiatischen Sibirien über die Beringstrasse nach Alaska, durchquerten Nord- und Ostkanada und liessen sich im Norden Grönlands nieder. 4000 Jahre alte Funde von Ausgrabungen beweisen diese Reiserichtung.

Heute leben in Qassiarsuk, der ehemaligen Wikingersiedlung, drei Dutzend Menschen und züchten Schafe. Hier gibt es sogar ein «Café Brattahlid». Überbordend ist der Andrang nicht. Vielleicht hängt deshalb in der Eingangstüre diese Notiz: «Das Café bleibt diesen Sommer geschlossen.»

Einen Tag später legen wir im farbigen Städtchen Qaqortoq an. Gerade rechtzeitig, um der internationalen Kajakmeisterschaft mit Distanzwettfahrt, Synchron-Eskimorolle im Wasser und Trockenrolle am Seil (es ist zwischen zwei Pfosten gespannt), beizuwohnen.

Wir chartern ein Motorboot, um die Landwirtschaftsstation Upernaviarssuk hinten im Fjord zu besuchen. Hier wachsen Lupinen, es gibt Wiesen fürs Heu der Schafe und Treibhäuser mit Blumen, die sich gut verkaufen. Und es gibt Erdbeeren! Die Grönländerin Arnaq, die hier aufgewachsen ist, strahlt: «Seit rund fünf Jahren gedeihen Sellerie und Erdbeeren im Freien!» Dann rundet die «Fram» Kap Farvel und nimmt Kurs auf Island. Wir verlassen Grönland, das uns seine sommerliche Schokoladenseite gezeigt hat.

Autor: Daniel B. Peterlunger


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Der Grund meiner Faszination für den Norden Europas liegt wohl darin, dass meine "Wurzeln" zu 50% in Skandinavien liegen, aber auch an der Zeit, die ich im Norden verbracht habe. Zählt man die Zeit zusammen, so sind es insgesamt rund drei Jahre, während denen ich Skandinavien zu jeder Jahreszeit geniessen konnte.

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