Der Botschafter der Tiere

Der Botschafter der Tiere

Alex Rübel ist viel mehr als nur ein Zoo-Direktor. Der Veterinär ist Freund, Beschützer und Fürsprecher der Tiere. Mit Matthias Reimann von REISEWELTEN sprach er über den Zürcher Zoo als das grösste Schulzimmer der Schweiz, artgerechte Tierhaltung und die Herausforderungen für Tiergärten. Und er verrät, was man bei Pfadfindern fürs Leben lernt.

Herr Rübel, haben Sie tatsächlich schon als kleiner Bub die Waschküche Ihres Elternhauses in eine Voliere verwandelt?

Ja, das stimmt. Als Zwölfjähriger habe ich dort Schmetterlings- und Zebrafinken, Kanarienvögel und Möwchen gehalten. Bereits als kleiner Junge haben mich Tiere interessiert. Als Kind verbrachte ich oft Ferien auf dem Bauernhof und später arbeitete ich acht Sommer lang auf einer Alp.

Was hat Sie bewogen, Veterinärmedizin zu studieren?

Als Teenager steckte ich mein ganzes Taschengeld in die Bücherreihe «Dr. Grzimek’s Tierleben». Später überlegte ich mir, wie ich in meinem Leben am ehesten etwas für Tiere bewegen könnte. Das brachte mich auf die Tiermedizin.

1991 haben Sie als junger Tierarzt die Leitung des Zoos Zürich übernahmen, der in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Waren sie damals naiv oder selbstbewusst?

Wahrscheinlich beides (lacht). Ich dachte einfach, das wäre ein Traumjob und dass sich eine solche Gelegenheit nicht zwei Mal im Leben präsentieren würde.

1993 leiteten Sie einen Kurswechsel ein: Der Zoo sollte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert modernisiert und zukunftsfähig gemacht werden. Was bewegte Sie damals zu ihrem Konzept Vision 2020?

Bei meinem Vorgänger stand die Zucht seltener Tiere im Vordergrund. Nach meinem Antritt erkannte ich bald, dass sich die Ziele des Zoos verändern mussten. Es ging mir darum zu definieren, wo sich ein Zoo in einer modernen Gesellschaft befand, welche Aufgaben und welche Verantwortung er im 21. Jahrhundert übernehmen müsste. Der Zoo sollte sich vermehrt auf Naturschutz einstellen.

«Besucher kommen in unserer Masoala
Regenwaldhalle zur Ruhe und werden demütig.»

Worin lag der Schlüssel zum Erfolg?

Bildung ist für mich bei der Strategieausrichtung entscheidend gewesen. Wir fragten uns, was es für den Zoo hiess, ein Naturschutzzentrum zu werden. Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Stadtmenschen und Naturräumen. Wo konnten wir etwas beitragen, um die Menschen – Erwachsene ebenso wie Kinder – dafür zu sensibilisieren? Wir stellten uns auch selbstkritische Fragen zur Haltung unserer Tiere. War diese artgerecht und betriebswirtschaftlich sinnvoll? Solche Überlegungen führten beispielsweise auch dazu, dass wir ein paar attraktive, aber aufwändig zu haltende Tierarten abgaben. So verabschiedeten wir beispielsweise Eisbären, Schimpansen und Flusspferde – keine leichte Entscheidung, aber notwendig.

Wie schaffen Sie den Spagat zwischen Naturschutz, Forschung und Unterhaltung?

Ich bin überzeugt, dass ein Zoo attraktiv sein muss, sonst kommen die Leute nicht. Er muss aber auch Naturschutzzentrum sein. Beides muss ineinandergreifen, sonst ist keine Langzeitperspektive möglich. Wenn die Besucher vom Erlebnis Zoo begeistert sind, sind sie bereit, etwas für den Naturschutz zu tun. Zufriedene Zoobesucher sind wie Marketing-Mitarbeiter. Sie betreiben Marketing für die Natur (lacht).

Alex Rübel
Alex Rübel mit einem Lemuren auf Madagaskar

Der Zoo Zürich ist seit 2010 schuldenfrei. Wie finanziert sich die Organisation?

Die Hälfte der Einnahmen erzielen wir mit den Eintritten. Etwa 20 Prozent machen Subventionen aus. Den Rest erwirtschaften wir durch die Restaurationsbetriebe und den Shop. Dazu kommen Patenschaften und Wirtschaftssponsoring. Investitionen werden nur aus Schenkungen finanziert.

Zoos und Zirkusbetriebe waren lange die Zielscheibe von Tierschützern. Was erwidern Sie Zoo-Kritikern?

Ich bin fest überzeugt, dass es nicht entscheidend ist, wie ein Tier gehalten wird, sondern dass es ihm gut geht – egal, ob im Zoo, im Zirkus oder zu Hause. Dafür sind wir verantwortlich und dafür arbeiten hier ein halbes Dutzend Zoologen, die sicherstellen, dass es unseren Tieren gut geht.

Der Zoo Zürich wird ab und zu das «grösste Schulzimmer der Schweiz» genannt. Was bedeutet für den Zoo das Vermitteln von Wissen und Verständnis zu Natur-, Tier- und Artenschutz?

Wir sind in verschiedenen Punkten der UNO-Dekade «Bildung für nachhaltige Entwicklung» aktiv involviert. Wir sehen uns primär als Bildungsinstitution im Bereich der Tiere und der Natur. Das grösste Klassenzimmer der Schweiz geht darauf zurück, dass wir die meistbesuchte Institution dieser Art im Land sind. Unseren Bildungsauftrag verstehen wir aber nicht nur im Hinblick auf Kinder. Unser Augenmerk liegt ebenso sehr auf Erwachsenen.

Lewa, die afrikanische Savanne, ist das bisher grösste Projekt der Zürcher Zoogeschichte. Haben Sie mit der verfügbaren Landreserve noch weitere Expansionsmöglichkeiten?

Ja, das haben wir. Nach Abschluss des «Lewa» Savannenprojektes möchten wir etwas für unsere Menschenaffen machen. Die Ideen sind da, aber der Gestaltungsplan ist noch nicht genehmigt.

Eröffnung Masoala-Halle
Eröffnung des Masoala- Regenwaldes am 29. Juni 2003

Sie haben viele Projekte geplant und umgesetzt. Haben Sie ein Lieblingsprojekt?

Die Frage stellt sich für mich eher, mit welchem Projekt wir am meisten erreicht haben. Und das ist und bleibt für mich der «Masoala Regenwald». In einer 10 000 Quadratmeter grossen Halle entdecken Besucher ein madagassisches Regenwald-Ökosystem und erleben dabei Tiere inmitten ihres natürlichen Lebensraums. Der Baumkronen-Weg ermöglicht zudem einen Blick aus den Baumwipfeln. Wir bemerken immer wieder, dass Besucher beim Betreten der Halle ruhig und demütig werden. Dieses Projekt ist uns wirklich sehr gut gelungen.

Im europäischen Zoo-Ranking ist der Zoo Zürich hinter jenen von Wien und Leipzig letztes Jahr zum vierten Mal in Folge zum drittbesten Zoo des Kontinents gekürt worden. Was bedeutet Ihnen dies?

Die Anerkennung zeigt, dass wir grundsätzlich auf dem richtigen Weg sind. Die Nummer eins werden wir nie, weil wir nicht die vergleichbare Anzahl Tierarten wie Wien oder Leipzig haben. Aber wir sind die Spitzenreiter in den Teilbereichen Naturschutz und Bildung – und das ist genau die Richtung, in die ich den Zoo Zürich führen will. Es ist mein Anspruch, dass wir dort top sind.

Wie betrifft der Klimawandel den Zoo Zürich?

Als Naturschutzzentrum müssen wir eine Vorbildrolle einnehmen. Der Betrieb des Zoo Zürich ist CO2-neutral. Wo wir können, sparen wir Energie- und Wasser. Wir fahren die Heizungen zurück, nutzen Holzschnitzel und Solarpanels zur Wärmegewinnung und kaufen nur Ökostrom. Auch in den Restaurants suchen wir laufend nach Möglichkeiten, noch nachhaltiger zu werden bei gleichbleibender Qualität. Wo wir nicht aus eigener Kraft klimaneutral sein können, gleichen wir mit unseren verbleibenden CO2-Ausstoss mit Kompensationsprojekten aus.

«Auch in 50 Jahren wird es im
Zoo Zürich keine geklonten
Dinosaurier geben.»

Sie stehen in regem internationalem Austausch. Wie wichtig sind globale Netzwerke?

Sehr wichtig. Zum Horizont erweitern und lernen schicken wir unsere Leute gerne in die weite Welt. Wir haben enge Verbindungen mit Zoos weltweit. Auch sind wir in verschiedenen Projekten internationaler Naturschutzorganisationen involviert. Dadurch können wir auch immer wieder zurückspiegeln und bewerten, ob wir als Organisation auf dem richtigen Weg sind. Wir müssen immer glaubwürdig und kompetent sein. Was wir sagen, muss wahr sein – hier spielt unser klar definierter Bildungsauftrag eine wichtige Rolle. Und dabei hilft uns auch unsere internationale Vernetzung.

Welche Vorteile hat Ihnen Ihr erster Beruf als Veterinärs in der Rolle des Zoodirektors gebracht?

Eindeutig die Fähigkeit, analytisch zu sein. Zoologen sind meist Beobachter, ich bin aber hauptsächlich Analytiker. Es ist für mich seit dem Studium ganz normal, eine Entscheidung rational und aufgrund einer Analyse zu fällen. Am meisten gelernt habe ich allerdings bei den Pfadfindern; allem voran das Arbeiten mit Menschen. Das hat mich schon als Jugendlicher fürs Leben mitgeprägt.

Im Juli nächsten Jahres wird die grossangelegte Afrikanische Lewa Savanne eingeweiht. Gleichzeitig werden Sie Mitte 2020 in den Ruhestand gehen. Zufall oder Absicht?

Das ist kein Zufall. Ich wollte dieses Projekt noch zur Ziellinie führen und danach aussteigen. Die Savanne ist eine Anlage für Giraffen, Nashörner und andere afrikanische Tiere. Das Projekt ist eng verbunden mit einem langjährigen Naturschutzprojekt, das der Zoo Zürich seit 1998 in Kenia unterstützt.

Was war in 28 Jahren beim Zoo Zürich Ihr schönster Moment?

Masoala ist für mich das Highlight. Anfänglich hat es mich erstaunt und heute freut es mich einfach, dass wir dieses Projekt so hingekriegt haben. Auch die Geburt von Elefantenbabys hat mich immer wieder bewegt.

Biografie

Dr. med. vet. Alex Rübel (04.05.1955) ist Zürcher durch und durch: Abgesehen von Studienaufenthalten im In- und Ausland ist der promovierte Tiermediziner seiner Heimatstadt stets treu geblieben. Rübel arbeitete nach dem Studium zunächst an der Klinik für Zoo- und Heimtiere bei Prof. Ewald Isenbügel. Seit 1986 hat er an der Universität Zürich einen Lehrstuhl für Krankheiten von Zoo-, Wild- und Heimtieren inne. Im Sommer 1991 trat der damals erst 36 Jahre alte Tierarzt den Posten des Direktors im Zoo Zürich an. 2012 wurde er vom Weltzooverband für sein Schaffen mit dessen höchster Auszeichnung geehrt. Der «Heini Hediger Award» ist nach dem Begründer der modernen Tiergartenbiologie benannt, der von 1954 bis 1973 als Direktor den Zoo Zürich leitete. Im Juli 2020 geht Rübel nach 29 Dienstjahren in Rente. Er ist Vater von drei Kindern und lebt in Zürich.

Alex Rübel

Hatten Sie auch Enttäuschungen wegzustecken?

Was mir sehr nahe ging war eine Situation, als wir einen Elefanten einschläfern mussten. Jedes Mal, wenn ein Tier stirbt, ist es für uns, als ob ein Familienmitglied von uns geht. Die Situation mit dem Elefanten hat mich besonders berührt. Es war eine sehr schwierige Entscheidung, aber wir mussten sie zu Gunsten des Tieres fällen. Auch Mitarbeiter, die man im Laufe des Berufslebens verliert, sind Situationen, die einen prägen.

Wie steht es mit dem Projekt Seilbahn?

Mich ärgert, dass die geplante Seilbahn vom Bahnhof Stettbach in der Stadt Zürich zum Zoo hinauf noch immer nicht aus dem Ideenstadium herausgekommen ist. Das Projekt ist aufwändig und die Bewilligungsverfahren enorm langwierig. Aber im Zoo sind wir Langstreckenläufer und keine Sprinter. Wir haben einen langen Atem (lacht).

Wo wird der Zoo Zürich in 50 Jahren stehen? Werden wir in Zukunft geklonte Dinosaurier bestaunen?

Bei uns glaube ich nicht. Der Bildungsteil dürfte noch stärker präsent sein. Wir haben zum Beispiel seit eineinhalb Jahren eine Erwachsenenbildungsstelle. Es ist mir sehr wichtig, dass wir in diesem Bereich niemals stillstehen. In anderen Bereichen wird der Zoo vermutlich noch mehr zum Link zwischen Stadt und Natur werden. Die Naturschutzaufgaben werden noch weiter zunehmen. Es braucht einen Ort, an dem die Leute den Kontakt mit Tieren aufnehmen können. Und wenn der Zoo das erfolgreich macht und es den Tieren gut geht – woran ich keinen Moment zweifle – dann wird dieser Zoo eine sehr gute Zukunft haben.

Wird der Digitalisierungs-Trend zur Gefahr für den Zoo?

Im Moment scheint jeder zu glauben, das ganze Leben sei digital geworden: Es zählen nur noch Videos, Schnappschüsse, Likes, einfach alles, was die Bildschirme hergeben, aber eigentlich ohne Bezug zu dem, was da draussen passiert. Ich glaube aber, dass das Reale weiterhin seinen Platz haben wird – vielleicht sogar gestärkt zurückkommt. Das Digitale gehört dazu, aber die Suche nach dem Kontrast zum Virtuellen wird nur noch grösser werden. Der Zoo ist eine sehr reale Welt: Riechen, Sehen, Hören und Tasten sind sinnliche und vor allem reale Erfahrungen.

Alex Rübel bei seinem Praktikum
Alex Rübel bei seinem Praktikum im Panzernashorn-Gehege des Zoo Basel, um 1970

Was möchten Sie nach Ihrer Pensionierung in Angriff nehmen?

Ich werde endlich wieder mehr lesen. Und die Schweiz werde ich mir vermehrt anschauen, diesbezüglich habe ich etwas Nachholbedarf. Den Schweizer Nationalpark zum Beispiel werde ich wieder öfter besuchen.

Welche fünf Dinge haben Sie auf jeder Reise mit dabei?

Die Zahnbürste ist immer im Handgepäck. Ansonsten habe ich keine feste Gepäckliste. Da im Laufe meiner Karriere diverse Male der Koffer nicht angekommen ist, beschränke ich mich heute bewusst. Ich reise gerne mit wenig Gepäck. Ich fotografiere auch nicht mehr so viel wie früher. Ich gehe wohl bewusster auf Reisen, nehme mehr mit den Sinnen auf und speichere die Eindrücke lieber im Kopf als auf Chipkarten. Ich geniesse heute lieber, als laufend durch einen Sucher oder eine Linse zu schauen.

Autor: Matthias Reimann


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Alex Rübel im Gespräch mit Matthias Reimann von REISEWELTEN

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